Begegnungsort – Küche der Kulturen 

 

Die Küche ist überall da, wo mehrere Menschen zusammen leben, mehr als nur der Raum mit Kühlschrank, Herd und Spüle. Hier wird gekocht, gegessen und geredet. Das ist im „Haus der Kulturen“ der Bleiberger Fabrik nicht anders, auch hier schlägt das Projektherz vor allem in der „Küche der Kulturen“.

 

„Wir haben in unserer Arbeit mit den jungen Flüchtlingen festgestellt, dass gemeinsam Kochen und Essen ein ganz wichtiges Element ist“, stellt Sibylle Keupen, Leiterin der Bleiberger Fabrik, fest. Nach dem Auftakt im Sommer 2016 im Rahmen des Projektes „Ahoi3“ im Aachener Ludwig Forum hat die „Küche der Kulturen“ nun ein neues Zuhause gefunden. Jede Woche wird in den Räumen des Helene-Weber-Hauses im Domviertel gekocht, gegessen, gespielt und geredet. „Wir wollten immer schon einmal etwas miteinander machen, hier hat es jetzt gepasst“, sagt Astrid Natus-Can, Leiterin der Familienbildungsstätte mit Hauptsitz in Stolberg.

 

Beide Bildungseinrichtungen sind mit unterschiedlichen Projekten in der Flüchtlingsarbeit, die den beiden Leiterinnen wichtig ist, aktiv. Die Jugendkunstschule der Bleiberger Fabrik bietet jungen Flüchtlingen unter Anleitung von Künstlerin Vera Sous und Ute Fernau die Möglichkeit zur kreativen Arbeit an. Das Helene-Weber-Haus in Stolberg bietet unter anderem Sprachkurse und Spielgruppen für Flüchtlinge an, sowie Schulungen für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit. Außerdem sind beide Einrichtungen Mitglieder in der Stadtteilkonferenz Westparkviertel und verstehen sich als kirchliche Einrichtungen auch als Multiplikatoren, die noch einmal anders vermitteln können, was „katholisch sein“ bedeutet.

 

Das Kochangebot richtet sich an die jungen Flüchtlinge, unbegleitet oder mit Familie, zwischen 13 und 19 Jahren, die an dem seit März diesen Jahres bestehenden Angebot „Haus der Kulturen“ in der Bleiberger Fabrik teilnehmen, die Ehrenamtlichen, die sie begleiten, aber auch alle Menschen aus dem Viertel, die gerne mit ihnen in Kontakt kommen möchten. Die Zahl der Besucher*innen schwankt. Am ersten Adventssonntag 2016 seien sie zu 35 Leuten gewesen. „Da waren auch einige aus dem Stadtteil dabei“, sagt Sibylle Keupen. An diesem Tag sind es etwas weniger, aber das ist auch okay. Das Angebot müsse wachsen.

 

Eine Fortsetzung 2017 war daher mit den entsprechenden Projektmitteln bereits beschlossene Sache. Ebenso wie die Einladung an Bischof Helmut Dieser und Dompropst Manfred von Holtum. „Wir würden uns sehr über ihren Besuch und die Gelegenheit freuen, ihnen unser Projekt vorzustellen und sie zum Mitessen einzuladen“, sagt Astrid Natus-Can. Der Dompropst habe bereits Küchenerfahrung aus dem Sommer, ergänzt Sibylle Keupen.

 

In der Küche hat inzwischen Fadi Alauwad – „der syrische Tim Mälzer“, wie seine Mitköchin an diesem Nachmittag, Andrea Derichs vom Helene-Weber-Haus, ihn betitelt – das Kommando übernommen. Auch der in seiner Heimat bekannte Fernsehkoch, der als Flüchtling nach Aachen gekommen ist, hat bereits im Sommer bei der „Küche der Kulturen“ mitgewirkt und wollte es sich nicht nehmen lassen, es wieder zu tun. „Es gibt Hackfleisch mit Gemüse aus Auberginen, Paprika und Tomaten und Bulgur“, erläutert er seinen Speiseplan. Einige der Jugendlichen helfen beim Schnippeln.

 

Während es aus der Küche schon verheißungsvoll duftet, haben sich an den Tischen im Speiseraum kleine Grüppchen zusammengefunden, die gemeinsam „Mensch-ärgere-dich-nicht“ oder Karten spielen oder miteinander plaudern. Einige üben gemeinsam einLied, das im Rahmen des Projektes entstanden ist und von der Lebenssituation und den Erfahrungen der jungen Leute in ihren Heimatländern und auf ihrer Flucht erzählt. Musik ist, wie das Kochen auch, wichtig.

 

Die Gäste, die sich sonntags um den Tisch versammeln, sind eine bunte, sich jedes Mal neu zusammensetzende Gruppe von Menschen verschiedenen Alters und verschiedener kultureller Wurzeln. „Das ergibt sich ganz spontan: mal sind es nur Frauen, dann wieder ist die Gruppe altersgemischt. Es kommen Menschen mit und ohne Fluchthintergrund, aus dem Viertel, aus Aachen und Umgebung, Familien und allein reisende junge Männer“, zählt Sibylle Keupen auf.

 

Diese Mischung, aber auch, wie die Menschen hier miteinander umgingen, mache die „Küchennachmittage“ so reizvoll und spannend. „Die syrischen

Jugendlichen wollten unbedingt syrische Pfannkuchen nach einem speziellen Rezept machen, aber es waren nicht genug Eier vorrätig“, erzählt Keupen. Spontan seien dann einige Besucher*innen nach Hause gegangen, um Eier aus ihrem Kühlschrank zu holen. Auch sonst werde in der Küche immer wieder mit den Besucher*innen und den vorhandenen Zutaten improvisiert. So unterschiedlich werde in den verschiedenen Ländern gar nicht gekocht. Reis, Gemüse und Hühnchen gibt es fast überall, die Würze macht den Unterschied. „Unsere Nachspeisen sind für die Menschen aus Syrien nicht süß genug und unsere Hauptgerichte nicht scharf genug“, erzählt die Leiterin der Bleiberger Fabrik.

 

Nicht nur über das Essen gibt es nach wie vor viele Anknüpfungspunkte, auch über Gebräuche und Traditionen, wie zum Beispiel, ob vor dem Essen ein Gebet oder ein Segensspruch gesprochen wird. Weiterentwickelt hat sich auch, dass es nun immer ein gestalterisches Angebot gibt, bei dem die Besucher*innen gemeinsam kreativ werden. So sind in den letzten Monaten unter anderem Schmuck, Tischdekorationen und ein Bild fürs Helene-Weber-Haus entstanden. Ob und wie es weitergeht in der „Küche der Kulturen“ hängt, wie schon im letzten Jahr, von der Finanzierung ab. Die beiden beteiligten Bildungsstätten würden das Angebot jedenfalls gerne zu einem festen Angebot machen.

 

Andrea Thomas

Kirchenzeitung für das Bistum Aachen