Jubiläum: Sibylle Keupen 25 Jahre in der Bleiberger Fabrik

Es wird gehämmert und geklebt, Kinderhände formen gelblichen Ton zu wundersamen Gefäßen, ein paar schwitzende Jungs drängeln sich die Treppe hinauf, um eilig ein Werkzeug zu suchen, das im Parterre, in der Holzwerkstatt, gebraucht wird: Leben in der Bleiberger Fabrik. In den Ferien musisch-kreative Werkwochen, das ganze Jahr über Projekte für alle Altersgruppe – von der „Bewegung für Kleinkinder“ bis zur „Kunst für Erwachsene“. Seit 1994 leitet Sibylle Keupen das ambitionierte Werk- und Bildungszentrum. Das Silberne Jubiläum kann sie selbst kaum fassen. „Ich war damals mutig, aber ich hatte das Gefühl, es ist genau das Richtige für mich“, meint sie heute.

1979 hatte das Jugendwerk für internationale Zusammenarbeit den Gebäudekomplex der Spinnölfabrikation der Firma Detilleux an der Bleiberger Straße erworben und sanierte die Anlage, die noch heute den Charme alter Industriearchitektur ausstrahlt. Jesuitenpater Erich Lennartz rief dort die musisch-kreative Bildungsarbeit für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ins Leben, wie es sie in dieser Form bisher nicht gab. Bis heute sorgen Bildungswerk Carolus Magnus, die Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens (J-GCL) und die inzwischen von Axel Jansen separat betreute Jugendkunstschule dafür, dass diese Arbeit nicht nur fortgesetzt, sondern weiterentwickelt wird.

Begeisterte Netzwerkerin

„Ich bin eine begeisterte Netzwerkerin“, betont Sibylle Keupen – ihre Liste der Kooperationspartner ist beeindruckend und zeugt von einem Menschenbild, für das Gründer-Pater Lennartz mit Enthusiasmus eingetreten ist. Sein Credo: „Nur der kreative, der spielende Mensch, der in lateinischer Sprache ,homo ludens‘ genannt wird, ist dazu in der Lage, seine humanen und sozialen Fähigkeiten zu entfalten“. Vor 25 Jahren hat Sibylle Keupen von Erich Lennartz, der damals 75 Jahre alt war, dieses nicht unkomplizierte Erbe eines ganzheitlichen, kulturpädagogischen Bildungsprogramms übernommen und in 25 Jahren neu geprägt. „Der Pater hatte großes Charisma, ein überzeugter Seelsorger, der den Mikrokosmos Bleiberger Fabrik schuf und für eine gute Basis sorgte“, erinnert sie sich. In diesem Jahr wäre der Pater übrigens 100 geworden, ist aber im Alter von 96 Jahren in der Seniorenresidenz der Jesuiten in Köln gestorben – auch das ein Anlass zum Gedenken.

Beruf und Familie

Sibylle Keupen (56), diplomierte Pädagogin, war damals 31 Jahre alt, Mutter eines zweijährigen Sohnes (ein zweiter kam vier Jahre später dazu) und mit einem Künstler verheiratet. Familie und Beruf ließen sich gut verbinden. Traditionen erhalten – Neues zulassen, das war stets ihr Ziel, wobei sie heute zudem einen 750.000 Euro-Haushalt im Blick behalten muss.

Gleich zu Beginn ihrer Leitung sorgte sie dafür, dass das Haus „transparent“ wurde, befreite die alten schönen Tore von den blickdichten Platten, sodass man auch von der Straße aus Einblick hatte. Was es bedeutet, Freiheit im Spiel zu finden, hat sie als Jugendliche selbst erfahren. „Bei den Katholischen Jugendverbänden habe ich dann noch das Leiten gelernt“, sagt sie und ist sich dieser Verantwortung in einem so facettenreichen Bildungswerk bewusst.

60 Kunstschaffende

Neben dem insgesamt sechsköpfigen Leitungsteam gibt es 40 zum Teil nebenberufliche Mitarbeiter sowie 60 Künstlerinnen und Künstler, die für Gestaltung sorgen. Das Ehrenamt hat in der Fabrik Tradition und wird hoch geschätzt. „Was damals als Entwicklung der 60er Jahre entstand, ist im heutigen Schulsystem allerdings noch immer nicht erledigt“, meint sie mit leisem Bedauern. „Wie wichtig Ausdrucksfähigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung ist, dass man durch Freiheit im Spiel zum freiheitlichen Menschen wird, muss noch im ganzheitlichen Bildungssystem umgesetzt werden.“

Und deshalb ist sie mit dem Konzept der Bleiberger Fabrik nicht allein in der pittoresken Anlage neben der Bahn geblieben. Inzwischen gibt es seit 2000 Kreativität und Spiel vor Ort, eine Zusammenarbeit mit rund 20 Schulen der Region, wo man ein aktives Angebot aufgebaut hat. Schüler dürfen in ihren Freistunden werkeln, Hiphop tanzen oder sich akrobatisch ausprobieren – ohne Druck, aber begleitet und mit Spaß. Mehrfacht hat man sich zudem am sommerlichen Kreativ-Abenteuer der Stadt Aachen, dem „Archimedischen Sandkasten“, beteiligt.

Rund 80 Prozent der Bildungsarbeit widmet die Bleiberger Fabrik Kindern und Jugendlichen, 20 Prozent den Erwachsenen. Hier können sich Kunstschaffende zudem zum Kunstpädagogen qualifizieren. Teilnehmer reisen aus ganz Deutschland an.

Wirtschaft als Ziel

Die Visionen des Gründer-Paters hat Sibylle Keupen aufgenommen und weiterentwickelt im „bistumsstärksten anderen Ort von Kirche“, wie die Leiterin mit Stolz sagt. Eine zukünftig drängende Aufgabe sieht sie darin, das Wissen der Bleiberger Aktiven in die Wirtschaft zu tragen, Unternehmen dazu zu bewegen, ihre Teams zum Beispiel in kreativen Workshops zu festigen. Studierenden will man einen „Ko-Working-Ort“ anbieten, wo sie am Laptop arbeiten, sich aber zugleich künstlerisch-kreativ mit einem echten Meißel oder gar nicht virtuellen Pinseln und Farben ausprobieren dürfen. „Raum geben, das ist und bleibt extrem wichtig“, betont die Leiterin. Und die Frage welche Altersgruppe die meiste Unordnung beim Werken veranstalten, beantwortet sie klar: „Die Erwachsenen!“

 

Text: Sabine Rother
Quelle: Aachener Nachrichten vom 25. Oktober 2019